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Sehen statt Hören

Info, Infomagazin • 31.10.2026 • 09:45 - 10:15
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Originaltitel
Sehen statt Hören
Produktionsland
D
Produktionsdatum
2026
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Gehörlosensport - Ausgebremst statt gefördert? Emilia liebt Volleyball. Doch in ihrer Nähe gibt es keinen Gehörlosensportverein, der diese Sportart anbietet. In einem Verein für Hörende fühlte sie sich aufgrund der Kommunikationsbarrieren nicht so recht aufgehoben. "Es wäre schön, wenn es so etwas in der Nähe von Nürnberg gäbe", sagt sie. Um trotzdem mit anderen gehörlosen Spielerinnen trainieren zu können, nimmt sie regelmäßig den weiten Weg von Nürnberg nach München auf sich. Dort bereitete sie sich gemeinsam mit ihrer Beachvolleyball-Partnerin Telissa auf die European Deaf Youth Games in Hannover vor. Weil die beiden in unterschiedlichen Städten leben, blieb ihnen allerdings nur wenig Zeit für gemeinsames Training. Ein Nachteil, der sich bei den Wettkämpfen bemerkbar machte: Gegen Teams, die seit Jahren zusammen trainieren, hatten sie es schwer. Sportunterricht ohne Turnhalle Auch am Rheinisch-Westfälischen Berufskolleg in Essen sind die Bedingungen für den Gehörlosensport schwierig. Seit langer Zeit wartet Sportlehrerin Natascha Laier auf die Fertigstellung einer neuen Turnhalle. "Seit drei Jahren wird gebaut, jetzt im vierten Jahr - und noch immer ist kein Ende in Sicht", berichtet sie. Stattdessen muss sie den Sportunterricht teilweise in einem viel zu kleinen Klassenzimmer abhalten oder mit ihren Schülerinnen und Schülern zu weiter entfernten Sportstätten fahren. Von einer 90-minütigen Sportstunde bleiben durch Fahrten und Umziehen teilweise nur 35 bis 40 Minuten reine Bewegungszeit. Unter diesen Bedingungen fällt es der Lehrerin zunehmend schwer, die Jugendlichen für Sport zu begeistern. Gleichzeitig beobachtet sie, dass grundlegende körperliche Fähigkeiten wie Koordination, Ausdauer und Kraft bei vielen Schülerinnen und Schülern nachlassen. Nachwuchsmangel und fehlende Förderung Doch nicht nur geeignete Trainingsstätten fehlen: Auch der Nachwuchsmangel und das sinkende ehrenamtliche Engagement stellen den Gehörlosensport vor große Herausforderungen. Petra Klein, Bundestrainerin für Leichtathletik, betreut in Essen eine der wenigen regelmäßigen Leistungsgruppen für gehörlose Sportlerinnen und Sportler. Wie wichtig solche Angebote sind, zeigt die Geschichte von Ani: Mit zwölf Jahren kam sie erstmals zum Leichtathletiktraining und entdeckte dort ihre Leidenschaft für den Sport. Schon bald nahm sie an Wettkämpfen teil. "Da erst habe ich gemerkt: Das ist es - MEINE Sportart!", erinnert sie sich. Doch längst nicht alle Kinder finden den Weg in einen Verein. Besonders schwer ist es laut Petra Klein, jene zu erreichen, die Regelschulen besuchen und kaum Kontakt zum Gehörlosensport haben. "Viele gehen auf Regelschulen, kennen die Gehörlosensportvereine nicht und sind somit ‚verschwunden'", erklärt sie. Auch Thomas Ritter von der Deutschen Gehörlosen-Sportjugend sieht die Entwicklung mit Sorge: "Früher gab es eine Gemeinschaft. Heute ist jeder für sich allein oder in seiner eigenen Gruppe unterwegs." Hinzu kommt, dass die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement abnimmt. Um wieder mehr Kinder und Jugendliche für den Sport zu gewinnen, setzt Ritter auf eine engere Zusammenarbeit zwischen Sportvereinen und Gehörlosenschulen. Doch auch bei der Finanzierung sieht er Handlungsbedarf. Zwar gibt es Fördermittel für den Jugend- und den Spitzensport, doch dazwischen klafft eine Lücke: "Für den Übergang der Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren ist die Finanzierung nicht geregelt." Gerade in dieser wichtigen Entwicklungsphase fehlt damit also eine verlässliche finanzielle Unterstützung, um junge Talente auf ihrem sportlichen Weg zu begleiten. European Deaf Youth Games als Chance Wie wichtig sportliche Vorbilder und internationale Wettbewerbe sind, zeigten die ersten European Deaf Youth Games im August 2026 in Hannover. Jugendliche aus 24 Ländern traten in verschiedenen Sportarten gegeneinander an. Für viele war es die erste Gelegenheit, internationale Wettkampferfahrung zu sammeln und Teil einer größeren Gemeinschaft zu werden. Auch Emilia und Telissa nahmen wertvolle Erfahrungen mit, obwohl sie bei ihren Spielen nicht als Siegerinnen vom Platz gingen. "Hätten wir mehr gemeinsam trainiert, wäre es besser gelaufen", so ihre Einschätzung im Rückblick. Aufgeben wollen die beiden deshalb nicht. Im Gegenteil: Sie möchten weiter trainieren und sich verbessern. Telissa träumt sogar davon, eines Tages bei den Deaflympics anzutreten. Ein Vorbild dafür ist Leichtathletin Tessa, die bei den Deaflympics 2025 in Tokio eine Gold-, zwei Silber- und eine Bronzemedaille gewann. Bei den Wettkämpfen in Hannover unterstützte sie den Nachwuchs und feuerte die jungen Athletinnen und Athleten an. Ihre Hoffnung: dass sie dem Gehörlosensport treu bleiben und eines Tages selbst bei den Deaflympics starten. Sport bedeutet mehr als Leistung Doch bei allen Herausforderungen zeigt sich, welche Bedeutung Sport gerade für Kinder und Jugendliche hat: Er stärkt das Selbstvertrauen, gibt Halt und bietet einen wichtigen Ausgleich zum Alltag. Wie viel das bewirken kann, erlebt Leichtathletin Ani am eigenen Leib: "Der Sport hat für mich eine Riesenbedeutung. Er ist meine Rettung! Ich könnte ohne ihn nicht leben." Auch Deaflympics-Medaillengewinnerin Tessa weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig gegenseitige Motivation ist. Gerade wenn das Training anstrengend wird oder Rückschläge drohen, hilft es, nicht auf sich allein gestellt zu sein. Damit möglichst viele junge Menschen diese Erfahrungen machen und ihre sportlichen Fähigkeiten entwickeln können, wünscht sich Bundestrainerin Petra Klein ein Leistungszentrum, das Schule und Sport verbindet und Talente gezielt fördert. Doch bei aller Leistungsorientierung sollte der eigentliche Wert des Sports nicht aus dem Blick geraten. "Es geht nicht um Konkurrenz, sondern um Gemeinschaft, das Miteinander; darum, einen Ausgleich zu haben und mal abzuschalten", bringt es Sportlehrerin Natascha Laier auf den Punkt. An sportlicher Begeisterung mangelt es also nicht unbedingt - wohl aber an den Möglichkeiten, sie zu entfalten.